Die „Stressdrüse“ Nebenniere – ein stark unterschätztes Organ

Menschen, die von Erschöpfung und unerklärlicher Dauermüdigkeit betroffen sind, haben in vielen Fällen kein einfaches Los. Viele Betroffene leiden unter ihrem Zustand, ein aufmunterndes „das wird schon wieder“ ist keine Lösung und die Auswirkungen haben oft weitreichende Konsequenzen für die Patient:innen und deren Umfeld. Dabei sind wir für kurzfristige Stresssituationen gut gerüstet, verschiedene Botenstoffe wie Adrenalin oder Noradrenalin sowie die Hormone Cortisol, DHEA und auch Testosteron lassen uns schnell reagieren, gut anpassen, kraftvoll durch die anspruchsvolle Situation gehen. Hier hat die Evolution gut für uns gesorgt. Nur, dass wir uns heute viel zu oft und viel zu lang, manchmal jahrelang im Stress befinden, sei es familiär, beruflich, aber auch Umweltfaktoren spielen eine Rolle oder exzessiver Medienkonsum. Unsere so wunderbaren Stresssysteme können dem auf Dauer oft nicht standhalten.

Was kann zu Dauererschöpfung oder gar Burnout führen?

Dazu besteht kein einheitliches Meinungsbild. Manche Psychologen betonen Faktoren wie Mangel an Selbstbestimmung, zu hohe Erwartungen oder falsch gewählte Ziele. Andere weisen vor allem auf Beziehungskonflikte hin. Aber auch erlebte Traumata wie Missbrauch und Unfälle scheinen eine bedeutende Rolle zu spielen, ebenso wie die schlichte, oft jahrelange Überforderung z.B. durch häusliche Pflege von Angehörigen.

Welchen Schlussfolgerungen werden therapeutisch daraus gezogen?

Was viele dieser Theorien gemeinsam haben, ist der oftmals rein psychisch-seelische Ansatz. Aus diesem Grund verfolgen viele Therapien ausschließlich psychotherapeutische Ansätze, bei denen schädliche Verhaltensmuster aufgezeigt werden und Methoden zur Stressbewältigung und Selbstorganisation erlernt werden. Zusätzlich werden ergänzend oder auch als alleinige Therapie Antidepressiva verschrieben, was in manchen Fällen auch sicherlich gute Dienste leisten kann.

Warum erfolgt aber auch bei optimaler Therapie in manchen Fällen keine nachhaltige Verbesserung?

Psycho- und verhaltenstherapeutische Maßnahmen sind in vielen Fällen sicherlich sehr wertvoll, und ohne Erkennen der Muster und der Veränderung des eigenen Verhaltens ist ja auch oft keine nachhaltige Veränderung möglich. Und dennoch sollte man an weitere Ursachen für die Symptomatik denken, insbesondere wenn sich das Befinden „einhängt“ ohne Fortschritte zu verzeichnen.

Adrenal fatigue – die Erschöpfung des Hauptstressorgans „Nebenniere

Aus der praktischen Arbeit mit vielen Betroffenen heraus und auf Basis von Labor- und Hormontests ist festzustellen, dass bei vielen unserer Patient:innen mit Erschöpfungskrankheiten eine Erschöpfung der Nebenniere vorliegt. Die Nebenniere, wichtigste Stressdrüse des Menschen, oberhalb der Nieren gelegen, kann dann ihren mannigfaltigen Aufgaben nicht mehr ausreichend nachkommen und das Stresshormon Cortisol steigt morgens schon unzureichend an oder fällt im Laufe des Tages zu stark ab – und damit auch die Leistungsfähigkeit. Aber auch bei über den Tag dauerhaft zu hohen Cortisolwerten ist diese Symptomatik möglich.

Wird das bei normalen Untersuchungen berücksichtigt?

Es ist der Trend festzustellen, dass bei Erschöpfungskrankheiten auch schulmedizinisch immer öfter an Adrenal Fatigue oder Nebennierenschwäche gedacht wird. Offiziell gilt dies zwar als ein subklinischer d.h. schulmedizinisch nicht behandlungsbedürftiger Zustand, dennoch werden nun häufiger die Stresshormone Cortisol und DHEA im Blut gemessen. Bis vor kurzem wurde vor allem nur die sog. primäre Nebennierenrinden-Insuffizienz, d.h. ein Versagen der Nebenniere, als feststehendes Krankheitsbild (Morbus Addison) als behandlungsbedürftig anerkannt.
Doch bereits aus einer Adrenal fatigue, der subklinischen Nebennierenschwäche, resultiert eine über Hormontests nachweisbar viel zu geringe Produktion an speziellen Hormonen – insbesondere Cortisol – und dadurch eine oft sogar erheblich verringerte Energieproduktion, was zur ausgeprägten Erschöpfung führen kann.

Welche diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten gibt es bei Nebennierenschwäche?

Mein Ansatz ist, wie bei allen hormonbedingten Indikationen, ein ganzheitlich-systemischer. Gestützt durch eine ausführliche Anamnese (Befunderhebung durch Gespräch) und einen Hormontest, der evtl. mit einem Urintest für die sog. Neurotransmitter/Stressbotenstoffe kombiniert wird, kommen je nach Schweregrad der hormonellen Dysbalance verschiedene Optionen in Frage, um die Funktion der Nebennieren zu unterstützen und den Ausstoß an Stresshormonen naturheilkundlich wieder zu regulieren. Wichtig ist dabei auch die Klärung, ob die Nebenniere selbst nicht mehr adäquat auf Stress reagieren kann, oder ob der Taktgeber des Organs, die Hirnanhangdrüse ein Auslöser ist. Besonders wichtig erscheint in der täglichen Praxis das Zusammenspiel mit den „Partnerhormondrüsen“, den Eierstöcken, Hoden und Schilddrüse, eine Interaktion, die jede Sekunde unseres Lebens abläuft.

Behandlungsoptionen:


Therapiedauer

Diese ist individuell vom Ausmaß der Thematik abhängig. Optimal ist es, die Beschwerden in einem relativ frühen Stadium zu begleiten, aber auch sich über Jahre manifestierte Erschöpfungszustände sind einen Behandlungsversuch wert. Bei psychotherapeutischen Therapien wäre es ideal, vor Beginn oder begleitend die Nebennierenschwäche zu behandeln, da der Stress von psychotherapeutischen Maßnahmen mit verbessertem Stress-Hormonprofil evtl. besser abgefangen und das Erreichen der eigentlichen Therapieziele erleichtert werden kann. Die Erholung der Nebenniere ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, inklusive den beruflichen und privaten Umständen, innerhalb derer die Therapie stattfindet.

Fazit:

Welchen Namen man der Thematik auch immer geben möchte – Burnout, chronische Müdigkeit, depressive Erschöpfung – wo eine nachgewiesene Erschöpfung der Nebenniere im Spiel ist, gibt es auch Behandlungsoptionen. Die naturheilkundliche Therapie des Organs und das systemische Zusammenspiel der beteiligten Hormonarten bieten konkrete Ansätze für die Bearbeitung von kausalen Zusammenhängen der Ursachen.